Ruhe, Rückzug & Regeneration

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6–9 Minuten

Zur Ruhe kommen und die Akkus wieder aufladen ist sicherlich für alle Menschen mehr als nur eine gute Idee. Neurodivergente Kinder benötigen jedoch häufig bedeutend mehr Ruhephasen für das Gehirn, da die Verarbeitungsprozesse auf Grund der sehr reizoffenen Wahrnehmung nun einmal mehr Ressourcen benötigen. Was genau dafür geeignet ist und wie sich die Akkus am besten wieder aufladen lassen, ist sicher für jeden etwas unterschiedlich. Doch grundsätzlich geht es darum dem Gehirn genügend Zeit und Kapazität zur Verfügung zu stellen, um Erlebnisse, Reize, Gefühle, Informationen und eben alles was uns den ganzen Tag über begegnet zu verarbeiten. So eine Ruhe- oder Regenerationsphase kann auch eine Beschäftigung sein, bei der sich das neurodivergente Gehirn auf eine Sache fokussieren kann, hier kann auch der sogenannte Hyperfokus oder die Spezialinteressen von Bedeutung sein. Auch ein gezielter Einsatz von Medien (natürlich alters- und typgerecht und mit zeitlicher Begrenzung) kann für ein neurodivergentes Gehirn entlastend sein. Der Grund: Es sind endlich mal nicht so viele Reize zu verarbeiten. Das Gehirn gelangt in eine Art „Wahrnehmungstunnel“ und ein Ausblenden von weiteren Umweltreizen kann bei der Beschäftigung mit einem Spezialinteresse oder dem lauschen eines Hörbuchs gelingen.

Für unser neurodivergentes Kind heißt das genügend freie Zeit und Zeit zu Hause, Rückzugsmöglichkeit und eine praktikable und förderliche Schlafroutine zu haben. Sind wir im Urlaub, oder bei einem mehrtägigen Familienbesuch gilt das natürlich weiterhin und insbesondere Zeit im „Unterwegszuhause“ und Rückzugsmöglichkeit gewinnen noch an Bedeutung.

Zeit zu Hause.

Viel mehr Worte braucht es dafür gar nicht. Einfach ausreichend Zeit zu Hause, gerne im eigenen Zimmer. Hier werden die Akkus wieder aufgeladen und die Eindrücke/Reize verarbeitet. Vor allem ist die Umgebung bekannt, alles ziemlich vorhersehbar und die soziale Interaktion kann auf ein Minimum und sehr vertraute Menschen sowie eine Katze und eine Hund reduziert werden. Die Gleichung ist eigentlich ganz einfach: Je länger und mehr Aktivität in der „Außenwelt“, desto länger und mehr Zeit ist zu Hause zur Regeneration nötig. Jede Aktivität, auch jene die das Kind freiwillig wählt und ihm Spaß machen, haben ihren „Energie-Preis“. Ein Ausflug in den ortsansässigen Trampolinpark? Klar, gerne. Mit Vorbereitung, Weg und natürlich der Sprungzeit dauert das ungefähr 2,5 Stunden und das wäre es dann auch an Aufregung und Außenaktivität für den Rest des Tages. In den Ferien ist das Kind durchaus Interessiert daran auch etwas zu unternehmen, doch genauso wichtig ist es dem Kind auch immer wieder einen Tag einfach zu Hause zu sein und „meine Zeit zu genießen“. Selbst der Vorschlag in ein nahegelegenes Eiscafe zu gehen, um dort Eis zu essen wurde schon abgelehnt, mit der erstaunlich reflektierten Begründung: „Eis hätte ich zwar gerne, ich will aber heute lieber nicht raus gehen.“ Grundsätzlich können wir da ganz gut mitgehen, na ja außer vielleicht mit der Tatsache eine Gelegenheit auf Eis auszuschlagen 😉. Manchmal macht es einem das Leben etwas schwierig, genug Zeit zu Hause „heraus zu schlagen“. Dann heißt es radikal priorisieren, absagen wenn nötig und möglich und wie immer viel Klarheit schaffen. Um so das zu schaffen, was unumgänglich ist und Zeit zu Hause zu gewinnen. Auch in diesem Zusammenhang gibt es Phasen in den mehr oder eben weniger Belastung möglich und somit „Zeit zu Hause“ nötig ist. Beim nächsten Einkauf auf jeden Fall nicht vergessen: Eis kaufen 😉.

Kuschelhöhle (mit abdunkelndem Vorhang).

Ein Art von Kuschelhöhle oder Kuschelecke gab es im Kinderzimmer schon immer. Einfach weil uns die Idee gefiel und es sich so ergeben hat. Im ersten Zimmer wechselt sich ein kleines Zelt und eine Kuschelecke (in die auch Eltern passen) ab. Im neuen Zimmer, nach dem Umzug, richteten wir eine Kuschelecke in einer Nische zwischen Schrank und Wand ein. Dort war das Kind oft zu finden, gerne zog es sich noch den Vorhang vom, daneben gelegen Fenster vor die Kuschelecke. So war klar, als irgendwann die Zeit zur Zimmerumgestaltung gekommen war, dass es auf jeden Fall wieder eine Kuschelecke/Höhle geben soll. Dies gelang und das Ergebnis wird rege genutzt. Wir stellten das vorhandene Bett auf die beliebten Regale, des beliebten schwedischen Möbelhauses, bastelten einen verdunkelnden Vorhang an die untere Bettkante und hatte damit nicht ein nur ein Hochbett, sondern auch eine wunderbare Kuschelhöhle erhalten. Die neue Kuschelhöhle erhielt noch eine Beleuchtung, die Bettunterseite wurde mit ein bisschen Stoff aufgehübscht und schon konnte es los gehen. Das Kind übernahm die Einrichtung der Kuschelhöhle persönlich und geschaltet sich seinen Rückzugsort. Decken, Kissen und diverses was eben weich oder wichtig ist (hier findet sich übrigens auch der Bezug vom Fernsehplatz-Kissen wieder) sowie der, schon immer bei uns lebenden 1-Meter-Stoffbär, haben Plätze in der Kuschelhöhle zugewiesen bekommen. Aus ganz verschiedenen Gründen, zu ganz verschiedenen Gelegenheiten, nicht unbedingt täglich aber sehr regelmäßig wird die Kuschelhöhle seit dem genutzt. Mal von selbst, mal mit elterlicher Empfehlung. Mal mit Hörbuch, mal mit Comic oder ohne alles. Auf jeden Fall für uns sehr nützlich und gut etabliert. Klar die meisten Kinder lieben (Kuschel)Höhlen, schließlich schließt sich auch für neurotypische Kinder nicht aus, was für neurodivergente Kinder gegebenenfalls von besonderem Nutzen ist.

Zeit für Interessenausübung (zu Hause).

Ich bin gar nicht sicher ob es etwas gibt das man als explizites Spezialinteresse des Kindes benennen könnte. Es gibt eher verschiedene Interessen und/oder Aktivitäten die teilweise parallel betrieben werden oder sich phasenweise abwechseln. Diese werden dann jedoch jeweils durchaus wirklich intensiv ausgeübt. Und es kann erstaunliches Wissen oder Fähigkeiten zu einem Thema/ einer Aktivität entstehen. Dabei kann das Kind auch tatsächlich Raum, Zeit und manchmal auch den eigenen Körper (also Hunger und Durst) vergessen. Gemeint ist für uns hier auf jeden Fall alles was sich zu Hause abspielt und zu Hause ausgeübt werden kann. Denn dies ist das entscheidenden Kriterium, wodurch Regeneration und Entspannung möglich ist. Die Zeiten, welche außerhalb verbracht werden, auch wenn es sich um selbstgewählte und mit Spaß verbundene Freizeitaktivitäten handelt, sind anstrengend. Es gibt unüberschaubar viele Reize, meist ist irgendeine Form der sozialen Interaktion notwendig und auf jeden Fall wird viel Energie dafür aufgewendet. Diese wieder aufzuladen, klappt gut bei der „Interessensausübung“ zu Hause. Vorhersehbarkeit, alles in der Richtigen Ordnung (wie auch immer diese sein mag), bekanntes Thema – alles sehr entspannenden für das Kind und sein neurodivergentes Gehirn. Das Kind interessiert sich zum Beispiel für Basketball, hat sich sogar entschlossen in einem Verein zu spielen. Basketballtraining hat sich das Kind also freiwillig und aus eigenem Interesse ausgesucht, nimmt für gewöhnlich auch gerne teil, doch dadurch dass, das Training natürlich extern erfolgt zudem mit bestimmten Terminen und mit anderen Menschen verbunden ist, zählt es in der Logik des Kindes nicht als Freizeit. Sich zu Hause mit dem Thema Basketball zu beschäftigen, dagegen zählt für das Kind als Freizeit und als „etwas machen“ (das man möchte und einen Interessiert). Eine gewisse Logik, kann ich dabei durchaus nachvollziehen. Trotzdem zerrt es schon sehr an den Nerven, wenn man das Kind zum Training gebracht und abgeholt hat, alles versucht drumherum zu organisieren oder irgendwie geschickt zu verbinden, um dann vom Kind zu hören „Ich hatte heute gar keine Freizeit und konnte noch gar nichts machen.“. Vielleicht ist genau das ein gutes Beispiel und ein guter Moment, um sich klar zu machen: Für ein neurodegeneratives Kind fühlt sich einfach alles anders an. Es geht, wenn es zur Regeneration dienen soll um dass, was sich für das Innenleben leicht und richtig anfühlt.

Schlafen.

Allgemein bekannt als wichtig für die Regeneration, doch gerade für autistische Kinder mal wieder etwas das nicht so leicht ist. Unser Weg: Natürlich die altbekannten Rituale, die sich aber dennoch im Laufe der Zeit an Alter und Vorlieben des Kindes angepasst haben und sicher auch weiter anpassen werden. Wir kalkulieren auch eine lange „Einschlafzeit“ bei der Festlegung der „Ins-Bett-geh-Zeit“ mit ein. Soll heißen, das Kind ist fix und fertig für das Bett und hat noch eine immer gleiche, fest vereinbarte Zeit für fest vereinbarte Tätigkeiten in seinem Zimmer. Das sind zur Zeit entweder lesen oder Gitarre spielen. Danach geht es dann richtig ins Bett. Dort schläft es zwar immer noch nicht gleich und superleicht ein, doch scheint es uns zumindest diese Zeitspanne zu verkürzen. Durch die Ausübung der aktuell wichtigen Interessen (Gitarre spielen) endet der Tag zudem positiv und entspannt, was dem Einschlafen ebenfalls zuträglich ist. Außerdem machen wir zur Schlafenszeit das Kinderzimmer möglichst dunkel. Dies hilft die Melaninproduktion anzuregen, diese funktioniert bei Autisten oft nicht richtig. Wodurch Dunkelheit und Rituale noch wichtiger sind, um Kopf und Körper das Signal zu geben „es ist Schlafenszeit“. Die Kinderärztin klärte uns auch über die Möglichkeit auf dem Kind ein Melatoninpräparat ( für autistische Kinder tatsächlich zugelassen) zu geben. Gerade in jüngeren Jahren, hätte ich das gerne schon gewusst und hätten wir es (unter ärztlicher Aufsicht) vielleicht ausprobiert. Die Melatonintherapie bleibt erstmal eine Option im Hinterkopf, je nachdem wie sich die Ein- und Durchschlafsituation so entwickelt und ob es einen damit verbundenem Leidensdruck gibt. Zur Zeit, eigentlich sogar schon eine ganze Weile, läuft das Ein- und Durchschlafen meistens „ganz okay“ und das passt aktuell.

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