Der Fernsehplatz

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4–6 Minuten

Fernzusehen begann das Kind mit drei dreiviertel Jahren. Es ging los mit „Komm in meine Arme“. Eine kleine, 8 minütige, Trickfilmserie über zwei Bären, Vater und Sohn, die gemeinsam Dinge des Alltags erleben.

Das Kind sollte ein bewusstes Fernseherlebnis haben, ein kleines Ritual mit Anfang, Ende und einer ersten Idee von Medienkonsum mit Freude und Verantwortung (soll heißen: Sendung ist vorbei, Fernseher ausschalten, was anders machen).

Also empfehlen wir dem Kind, es solle es sich doch gemütlich machen, vielleicht mit einem Kissen auf der Couch…

So tat es das Kind und zwar von nun an zu jedem Fernsehtermin. Klappt ja super, dachten wir uns. Kinder brauchen und lieben Rituale – Beweis getätigt und durch Praxis bestätigt. Es gab überraschend und erfreulich wenig Diskussion rund ums TV. Eine Sendung wird ausgesucht, TV angeschaltet, Kind nimmt auf dem Stammplatz mit Kissen platz. Ja, wirklich immer der exakt gleiche Platz, immer auf dem exakt gleichem Kissen. Warum nicht denken wir uns, und sehen bestätigt: Rituale sind wichtig und Helfen.

Oder ist das Kind doch ein bisschen zu eingefahren und zu festgelegt? Um diese Gedanken kamen wir insbesondere bei zwei Begebenheit, die im Gedächtnis geblieben sind, auch nicht drum herum.

Auch unsere Katzen waren immer große Fans genau dieses „Fernsehkissens“. So spazierten, schliefen und schnurrten die beiden Katzen immer wieder gerne über dieses Kissen. Der Bezug, ein besticktes Exemplar des beliebten schwedischen Möbelhauses, hielt dem naturgemäß irgendwann nicht mehr stand und wir beschlossen den Austausch. Gemeinsam mit dem Kind wählten wir, beim schwedischen Möbelhaus einen neuen, wieder bestickten Bezug (die Inkompatibilität von bestickten Bezügen mit Katzenpfoten hatten wir noch nicht eingesehen). Am Abend, während das Kind schon im Bett war, bekam das Kissen seine neue Hülle. Alles Erledigt – dachten wir.

Am nächsten Morgen, brach für das Kind offenkundig eine Welt zusammen als es das Kissen sah. Wut oder Trauer, wir wussten es nicht, konnten diesen übermächtigen Schwall an Gefühl (noch) nicht deuten, standen einfach erst überrascht und später selbst völlig entnervt daneben. Was passiert hier? Wieso regt sich das Kind so überbordend über einen neuen Kissenbezug auf? Wir haben ihn doch sogar gemeinsam gekauft. Wieso reagiert das Kind in einer derartigen Intensität auf den Wechsel eines Kissenbezugs?

Wir haben es so hingenommen. Mögliche Erklärungen gab es schließlich viele. Schlecht geschlafen, schon zu viel Hunger (bis heute ein Auslöser oder Verstärker), vielleicht wollte es mithelfen beim Bezugwechsel? Alles realistisch, alles eine mögliche Wahrheit. Und vor allem: Alles schon bei Generationen von Kindern vorgekommen. Also irgendwann Kind beruhigt, Frühstück gegessen und weiter im Tag.

Papa hatte ein verletztes Sprunggelenk, mit Schwellung, Verband und allem drum und dran. Erstmal der einzig möglich Platz um die Schmerzen erträglich zu halten: Auf der Couch liegend, Bein auf die Lehne hochgelegt. Die Fernsehzeit für das Kind ist dran. Der Stammplatz auf der Couch, samt Kissen belegt. „Du siehst ja, Papa kann sich nicht gut Bewegen und hat Schmerzen, setz dich einfach auf die andere Seite“, sage ich beim Einschalten und ahne nicht die kommende Eskalation.

Auf keinen Fall könne sich das Kind auf die anders Seite setzen. Es sitzt doch immer da, immer zum Fernsehen. Papa soll da weg. Es ist SEIN Platz. Das Kind insistiert, wird irgendwas zwischen wütend und hilflos. Ich werde fassungslos. Wie kann das Kind, jetzt 4 Jahre, so ignorant sein. So wenig mitfühlend, so auf einen Platz bestehen, den offensichtlich ein anderer gerade mehr braucht? Die drängende Frage: Was haben wir falsch gemacht? Zu sehr verwöhnt? Ist schließlich ein Einzelkind, der Umzug in eine 500 km entfernte Stadt gerade erst ein paar Monate her, der neue Kitaplatz erst in ein paar Monaten zu haben. Dennoch, jetzt ist eine dringende Lösung des Fernseplatz-Problems geboten. Schließlich bleibt die Zeit nicht stehen und der Hund muss raus, der Einkauf gemacht, die Wäsche aufgehängt werden. Die zwanzigminütige Fernsehzeit, sollte eigentlich ein kurze Pause und keine entrückte Platzdiskussion bringen. Ein anderer Platz geht also nicht?! Warum denn, frage ich. Wohl wissend dass, dies für 4 Jährige doch etwas viel verlangt ist und die alte Pädagogen-Weisheit „Warum macht stumm“ kommt mir in den Sinn.

Rational geht es nicht, so viel steht fest. Also wieder Geduld, die Emotionen die in ihrer Intensität mal wieder nicht so recht zum Auslöser passen wollen, hinnehmen vielleicht sogar annehmen und schließlich doch noch eine Lösung finden: Das Kind setzt sich auf einen Armlehnenstuhl genau vor seinen Couch-Stammplatz, das Kissen kommt auf den Stuhl und das Fernsehprogramm startet. Die Sendung ist zu Ende, es wird abgeschaltet, alles weggeräumt, alles in Ordnung. Der Ersatzplatz bleibt bis es Papa besser geht. Der Gedanke kommt: Bisschen komisch ist das schon, doch Problem gelöst und ein Jeder hat ja so seine Angewohnheiten…

Heute: Den angestammten Fernsehplatz gibt es immer noch. Das Kissen musste erneut einen neuen Bezug erhalten (diesmal an Katzenpfoten angepasst und somit ohne Stickerei). Das Kind wurde bereits beim Vorhaben, des Wechsels wieder nervös. Also war es diesmal beim Bezugwechsel dabei und durfte den alten, liebgewonnen Bezug behalten. Dieser ist nun sorgsam im Kinderzimmer verwahrt. Das Kind sitzt nach wie vor immer und ausschließlich auf genau diesem Platz mit genau diesem Kissen (und dem inzwischen drittem Kissenbezug). Egal ob es alleine eine Serie schaut oder alle zusammen einen Filmabend machen. Und irgendwann schauen wir vielleicht mal alle zusammen „The Big Bang Theory“ und stellen dem Kind einen anderen Befürworter des idealen Stammplatzes vor.

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2 Kommentare zu „Der Fernsehplatz“

  1. Marian

    Im Nachhinein hier und da lustig, in der Situation oft einfach nur erschöpfend, für alle Beteiligten.

  2. Ruhe, Rückzug & Regeneration – SUBJEKTIV

    […] Kissen und diverses was eben weich oder wichtig ist (hier findet sich übrigens auch der Bezug vom Fernsehplatz-Kissen wieder) sowie der, schon immer bei uns lebenden 1-Meter-Stoffbär, haben Plätze in der […]

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