Sibylle Muthesius – Flucht in die Wolken
Buchverlag Der Morgen, Berlin (1981)
Es beginnt leise. Fast unscheinbar. Ein paar Seiten, die wie ein vorsichtiges Tasten wirken – und dann kippt etwas. Plötzlich ist man nicht mehr Leser, sondern Zeuge.
Selten hat mich bereits ein Vorwort so erschüttert. Noch bevor die eigentliche Geschichte beginnt, lag über dem Text etwas Schweres, fast Vorahnendes. Beim Lesen musste ich weinen – nicht aus Sentimentalität, sondern weil man früh spürt, dass hier jemand versucht, etwas Unfassbares überhaupt in Worte zu bringen.
Dieses Buch erzählt die Geschichte von „Pony“, einem hochbegabten, sensiblen Mädchen, das in der DDR der 1960er Jahre aufwächst.
Anfangs sind es Tagebuchfragmente, kindlich, wach, manchmal verspielt. Doch zwischen den Zeilen liegt früh etwas Unruhiges – ein feines Vibrieren, das man erst später versteht.
Dann tritt die Mutter hinzu. Ihre Stimme verändert alles. Aus Erinnerung wird Suche. Aus Erzählen wird Ringen.
Was folgt, ist keine lineare Biografie, sondern ein dokumentarisches Geflecht: Tagebücher, Zeichnungen, Gedichte, Reflexionen.
Man sieht ein Mädchen, das intensiv fühlt, schnell denkt, tief wahrnimmt – und zunehmend keinen Ort mehr findet, an dem das gehalten wird.
Mit sechzehn bricht etwas auf.
Eine psychische Krise, abrupt und für die Umgebung kaum begreifbar. Was dann einsetzt, wirkt wie ein Kreislauf aus Überforderung auf allen Seiten:
medizinische Deutungen – institutionelle Logik – elterliche Verzweiflung
Viel geschieht – aber wenig scheint wirklich zu erreichen.
Hier liegt eine der stärksten Spannungen des Buches: Nicht das Fehlen von Hilfe ist das Problem, sondern ihre Unpassung.
Es wird behandelt, eingeordnet, reagiert – aber das innere Erleben des Mädchens bleibt in weiten Teilen unverstanden.
In der Sprache moderner Bindungs- und Traumaforschung würde man sagen: Es fehlt ein verlässlicher Resonanzraum. Jemand, der nicht nur reagiert, sondern wirklich mitschwingt.
Die Mutter versucht genau das – und scheitert doch immer wieder an Grenzen: eigenen, systemischen, zeitgeschichtlichen. Ihre zentrale Frage durchzieht das ganze Buch wie ein roter Faden:
Was ist hier geschehen – und wer trägt Verantwortung?
Eine klare Antwort gibt es nicht. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Kern dieses Textes.
Was besonders trifft, ist die Radikalität der Innenwelt. Pony wirkt nicht „krank“ im banalen Sinn.
Eher wie jemand, dessen Empfindungsfähigkeit keine Filter kennt.
In psychoanalytischer Perspektive könnte man sagen: eine kaum gepufferte Affektintensität, ein Ich, das die Flut nicht mehr regulieren kann.
Das erinnert an Beschreibungen früher Bindungsabbrüche, an das Ringen um Halt, an das, was man als „ungetragenes Selbst“ fassen könnte.
Noch zugespitzter formuliert: Wenn Sinn zerbricht, wird Existenz selbst fraglich.
Und doch ist da kein abstraktes Konzept, sondern ein konkretes Mädchen, das schreibt:
all is so simple
I’m in fear too simple
for me
Help me
Dieser Satz steht wie ein Riss im Text. Schlicht. Direkt. Nicht zu übersehen. Und gerade deshalb so schwer zu beantworten.
Das Buch entzieht sich bewusst klaren Kategorien. Es ist weder Fachbuch noch reine Biografie.
Vielleicht am ehesten ein Dokument des Scheiterns – aber nicht im zynischen Sinn.
Eher als schonungsloser Blick darauf, wie Systeme, Familien und auch gut gemeinte Hilfe an ihre Grenzen stoßen.
Und dennoch: Es ist kein hoffnungsloses Buch.
Denn es leistet etwas Seltenes – es macht spürbar. Es zwingt dazu, genauer hinzusehen.
Nicht vorschnell zu erklären. Nicht zu schnell zu beruhigen. Es fordert eine Haltung, die man heute als traumasensibel beschreiben würde: erst verstehen, dann handeln.
Was bleibt, ist weniger eine Antwort als eine Verschiebung der Wahrnehmung.
Man liest dieses Buch nicht und legt es einfach weg. Es arbeitet nach. Leise, aber hartnäckig.
Vielleicht ist das sein eigentlicher Wert:
Dass man beim nächsten „schwierigen“ jungen Menschen nicht mehr nur Verhalten sieht – sondern einen möglichen Hilferuf.
Und dass man sich fragt, ob man bereit ist, ihn wirklich zu hören.

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