Das Kind, sowie auch viele andere neurodivergente Kinder, hat große Schwierigkeiten Körpersignale richtig zu erkennen und zu deuten. So erkennt es ziemlich oft nicht wenn es hungrig ist und bekommt statt dessen massiv schlechte Laune. Um es Eltern auch wirklich nicht zu einfach zu gestalten, weigert sich das Kind, sobald es sich im Zustand der massiven schlechten Laune befindet, etwas zu essen. Schnell wurde uns deutlich: rutscht das Energielevel des Kinds auch nur ein wenig ab, wird es unmittelbar zum Gremlin. Immer wieder erstaunlich zu beobachten ist, die zuverlässige Drehung der Stimmung um 180° beim Kind, sobald es ein paar Bissen gegessen hat. Von wild tobend, schreiend, weinend und verweigernd zu fröhlich, entspannt und zugänglich – nur durch eine Maiswaffel oder einen halben Apfel. Biologie ist schon erstaunlich.
Da das Kind zuverlässig nicht bemerkt(e) Hunger zu haben, rhythmisierten wir das Essen noch mehr und achteten extrem stark auf das Einhalten der Essenszeiten, insbesondere des Abendessens. Einige Zeit, in besonders jungen Jahren, war für das Abendessen nur eine Maximaltoleranz von fünf Minuten Abweichung möglich, ansonsten war der Abend sprichwörtlich gelaufen und wir hatten einen Gremlin zu Hause und zwar bis zum nächsten Morgen. Man kann sich sicherlich vorstellen, wie erpicht wir auf die akribische Einhaltung der Abendessenszeit waren. Sicher stieß das oft auf Unmut in unserer Umgebung, wir hielten dies ja selbst teilweise für ein wenig verrückt. Doch nur so funktionierte es. Zusätzlich zu den akkuraten Essenzeiten fingen wir an dem Kind schon präventiv etwas kleines, wie z.B. Mais- o. Reiswaffeln, Zwieback, Apfelstücke oder ähnliches zum Essen zu geben. Wir hatten leidvoll aber schnell bemerkt, dass dem Kind, trotz der üblichen Mahlzeiten, die Energie einfach ständig ausging. Dies machten wir sogar schon vor dem Frühstück. Das Kind bekam oft schon präventiv recht kurz nach dem Aufstehen eine Maiswaffel in die Hand gedrückt, die Energie hätte sonst einfach nicht bis zum Frühstück gereicht. Verließen wir das Haus (außer für sehr absehbar, sehr kurze Wege) nahmen wir ausnahmslos immer die Knabberdose (wie der Name vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Dose mit verschieden zum knabbern geeigneten und vom Kind gemochten/akzeptierten Lebensmitteln) mit. Oft drückten wir dem Kind auch schon beim aus der Tür gehen ein Knäckebrot oder ähnliches in die Hand.
Noch mal zur Verdeutlichung: Das Kind hat zwar schon immer sehr selektiv (zum Essverhalten kommen auch noch eigene Beiträge) aber „normale“ Mengen zu den Mahlzeiten gegessen. Doch reagiert es zum einen sehr viel stärker auf den sich verändernden Energiehaushalt des Körpers und kann gleichzeitig sehr viel schlechter oder auch gar nicht deuten was dies zu bedeuten hat. Zudem kostet ein neurodivergentes Kind manch banal wirkende Alltagsaktivität sehr viel mehr Energie, so dass diese natürlich auch ungleich schneller erschöpft sein kann. Also haben wir die Deutung übernommen und die Knabberdose stets parat, um ein drohendes Energietief zu vermeiden. Dies ist jedoch eher die Wochenend- und Ferienvariante. Für den Alltag in Kita, Grundschule und weiterführender Schule, können wir nur darauf setzten dem Kind immer wieder den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Versorgung mit Nahrung nahe zu bringen. Vor allem aber dafür zu sorgen, dass das Kind bei Abholung oder Heimkehr sofort etwas isst.
Je älter das Kind wird, desto lockerer können wir dieses Thema behandeln, jedenfalls für unsere Verhältnisse. Inzwischen (Kind aktuell in der 5.Klasse) können sich Mahlzeiten und auch das Abendessen durchaus mal verschieben. Sind es deutlich mehr als 30 Minuten, gibt es aber weiterhin präventive Knabbersnacks. Auch hat das Kind inzwischen immer Mal Hunger erkannt und benannt, es geht also Voran 😊. Vor dem Frühstück ist zur Zeit kein präventiver Snack nötig. Dennoch sollte das Frühstück weiterhin zügig nach dem Aufstehen erfolgen, sonst kommt der Gremlin. Die Knabberdose bleibt weiterhin ein ständiger Begleiter, ebenso wie die Beobachtung von Kind und von der vergangen Zeit seit der letzten Mahlzeit. Insgesamt geht es immer noch darum den Energiehaushalt stabil zu halten und mittels präventiver Snacks den Gremlin in die Flucht zu schlagen.
Ich möchte mich hier auch nicht für die Legitimierung eines ständigen Snackens aussprechen und möchte nochmal expliziert erwähnen das es sich bei unseren „präventiven“ Essensgaben immer um kleine Knabbersachen wie Mais-, Reiswaffeln, (zuckerfreier) Zwieback, Maisstangen, Knäckebrot, Apfel und Gurke handelt.

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