Eigentlich kann man gar nicht sagen, dass das Kind ist schon immer gerne gesprungen und gehüpft wäre. Auf dem Spielplatz und in der Kita waren immer die Schaukeln die erste Wahl. Schaukeln mach Spaß und wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Die Freude am springen und hüpfen dagegen kam eher etwas versteckt daher und wurde von uns erstmal gar nicht als solche erkannt. Daher dauerte es noch ein bisschen bis wir zu einem unserer wichtigsten Gamechanger kamen.
Das Kind spielte generell nicht so viel, kaum alleine, brauchte immer eine Art Anleitung und stellte das „klassische“ spielen mit Schuleintritt schließlich (fast) ganz ein. Was übrig blieb war Bücher und Hefte anschauen und mit Erwerb der passend Fähigkeit, diese auch selbst zu lesen. Dazu ausgiebiges spielen mit Luftballons, damit verbunden war auch viel hüpfen und springen, um den Luftballon zu werfen und zu fangen. Dazu gab es noch ein Sprungkissen, das immer mal aktiviert wurde. Meist in Kombination mit dem Luftballon und dem zugehörigen „hinter dem Luftballon her springen“.
So ein Kind hat nun mal die Eigenschaft zu wachsen und dabei schwerer zu werden. So wurden die hüpfende Elemente während des Spiels mit dem Luftballon bald einfach sehr laut und wirklich langsam eine Zumutung für uns und unsere Nachbarn. Glücklicherweise, sind die Nachbarn sehr verständnisvoll und durchaus geduldig gegenüber Kindern, doch so konnte es dennoch nicht weiter gehen. Wir versuchten also andere Beschäftigungen mit dem Luftballon zu etablieren und das wilde „hinterher hüpfen“ zeitlich stark einzuschränken. Außerdem versuchten wir es, ganz klassisch, mit körperlicher Auslastung draußen. Soweit der Plan, doch kamen wir nach der körperlichen Auslastung wieder nach Hause, verschwand das Kind in seinem Zimmer und begann sein unermüdliches Spiel mit dem Luftballon.
Irgendwann während dieser Zeit waren wir im ortsansässigen Trampolinpark. Wir haben extra versucht eine Zeit abzupassen in welcher es mutmaßlich nicht so voll sein wird, hatten damit auch Glück und der Trampolinpark war ein voller Erfolg (und ist weiterhin sehr beliebt beim Kind). Das Kind hatte Spaß, sprang eine Stunde fast ununterbrochen auf diversen Trampolinen und sollte doch gut ausgelastet sein. Erschöpft war das Kind definitiv. Doch kaum zu Hause angekommen verschwand es wieder in seinem Zimmer und begann dem Luftballon hinterher zu hüpfen.
Nach einiger Zeit und noch weiteren Besuchen im Trampolinpark hatten wir es dann verstanden: Es geht um das Springen und Hüpfen. Der Ballon ist dabei nur Mittel zum Zweck. Das Springen und Hüpfen beruhigt und reguliert das Kind. Es kann sich dabei buchstäblich wieder einpendeln und das Nervensystem beruhigen. Beim Springen und Hüpfen kommt das Kind wieder bei sich an. Daher auch das auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Handeln. Bei dem das Kind gleich nach dem nach Hause kommen, auch nach einer körperlich anstrengenden Aktivität, sofort wieder wild hinter etwas her zu hüpfen beginnt und scheinbar immer noch nicht ausreichend ausgelastet ist. Das Gegenteil ist der Fall.
Soweit so gut, hüpfen und springen sind also hilfreich. Ein Sprungkissen war zwar vorhanden, doch musste dies zum einen immer mit elterlicher Unterstützung hin und her geräumt werden und war zum anderen einfach irgendwie zu klein und zu wenig stimulierend. Sollten wir in unserer mittelgroße Mietwohnung ein Trampolin aufstellen? Okay, es ist nicht alles mit Möbeln zugebaut, wir haben durchaus etwas Platz, doch wohin mit einem Trampolin? Es leben mit uns noch Hund und Katze sowie ein paar Terrarien-Tiere in der Wohnung, die brauchen auch ihren Platz. Und wie und wo kann sich so ein Trampolin optisch und auch zweckmäßig sinnvoll integrieren lassen? Das passt doch nie, dachten wir und verschoben die Überlegung. Unterdessen war das Kind gerade in der dritten Klasse angekommen und vieles wurde gerade zunehmend schwieriger… vielleicht also doch ein Trampolin oder ähnliches anschaffen. Springen und hüpfen scheint dem Kind gut zu tun. Dies konnten wir auch im inzwischen des Öfteren besuchten Trampolinpark beobachten… Und dann ging es plötzlich ganz schnell. Wir stießen bei einem bekannten online Gebrauchtwarenmarkt auf eine Anzeige für ein Trampolin. Fußläufig für uns erreichbar und praktisch fast geschenkt. Wir hatten zwar noch immer keinen Plan wie sich so ein Trampolin sinnvoll in unsere Wohnung integrieren lassen soll, doch schmissen wir kurzentschlossen und vor allem in der Hoffnung einer positiven Auswirkung auf das Kind, diese Bedenken über Bord und beschlossen: Wir kaufen das Trampolin jetzt einfach mal und sehen dann weiter.
Also gingen wir alle zusammen zu Fuß los, kauften ein Trampolin mit einem Durchmesser von ca. 1,20 Metern und trugen es in unsere Wohnung. Da wir nicht so recht wussten wohin damit, stellten wir es an den erst besten Platz der groß genug erschien: mitten ins Wohnzimmer. Genau dort ist es geblieben und wurde zum wahren Gamechanger. Das Kind sprang und sprang, natürlich auch einfach aus Spaß und Freude, doch konnte und kann man auch zusehen wie es dabei Spannung abbaut, sich reguliert und einpendelt. Es vergeht (außer bei Krankheit oder Abwesenheit) seit dem Einzug des Trampolins kein Tag ohne springen. Gerade nach (für neurodivergente Kinder) anstrengenden Aktivitäten wirkt eine Runde springen auf dem Trampolin wahre Wunder.
Ein Trampolin löst selbstverständlich nicht alle Probleme und ersetzt auch nicht andere wichtige Elemente im Zusammenleben mit einem neurodegenerativen Kind, wie z. B. klare Abläufe oder Planbarkeit bzw. Vorhersehbarkeit. Doch für uns ist es nicht mehr weg zu denken, brachte eine spürbare Veränderung im Alltag und kann von dem Kind praktisch jederzeit und selbstständig genutzt werden. Das Trampolin musste inzwischen zwar durch ein neues Ersetzt werden, hat seinen Platz mitten im Wohnzimmer aber behalten. Wir haben uns alle daran gewöhnt, es stört uns keineswegs und wird unterdessen auch mal von den Eltern genutzt. Die Katze liegt gerne mal auf dem Trampolin, wenn die Sonne darauf scheint. Dem Hund ist das ganze überwiegend egal, er scheint sich nur manchmal zu wundern was die Menschen da seltsames tun.
PS: Luftballons sind weiterhin sehr wichtig geblieben, doch das wilde „hinterher hüpfen“ ist mit Einzug des Trampolins verschwunden.

Kommentar verfassen