Autismus ist ein inzwischen sehr bekannter Begriff. Die Vorstellungen darüber sind sicher genauso breit gestreut, wie letztlich die Autsimus-Spektrum-Störung selbst. Es gibt eine Reihe von Kernsymptomen, die konkrete Ausprägung kann sehr verschieden sein. Daher gilt als erstes: „Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten“. Womit nun also anfangen, wenn man etwas über Autismus zu schreiben möchte? Probleme in der sozialen Interaktion, frühe Anzeichen, stereotype Verhaltensweisen, komisches Essverhalten, Hyperfokus oder Klischee vs. Realität? In diesem Beitrag bleibt es erstmal etwas Allgemein und eher Abstrakt.
Womit nun also anfangen? Vielleicht mit dem „IT-Piece“, wenn es um medizinische Diagnosen geht – die ICD. Denn Autismus bzw. die Autismus-Spektrum-Störung ist nun mal einen medizinische Diagnose. Also werfen wir doch am besten erst einmal einen Blick in die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ kurz ICD. Vernünftigerweise wird diese alle paar Jahre (ich meine es sind in der Regel 10 bis 15 Jahre) überarbeitet und aktualisiert. So dass bereits seit dem 01.01.2022 die ICD 11 in Kraft getreten ist, aber auf Grund eines längeren Übergangsprozesses aktuell in Deutschland noch die ICD 10 angewandt wird. Warum dies so ist und ob die Autismus-Diagnosen nun nach ICD 10 oder 11 besser oder schlechter gestellt werden können, ist für mich an dieser Stelle nicht Relevant.
ICD 10 unterscheidet noch in verschiedene Formen des Autismus (frühkindlich, atypisch und Asperger-Syndrom). Alle zählen zu den „tief greifenden Entwicklungsstörungen“: „Diese Gruppe von Störungen ist gekennzeichnet durch qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Diese qualitativen Auffälligkeiten sind in allen Situationen ein grundlegendes Funktionsmerkmal des betroffenen Kindes.“
„Frühkindlicher Autismus: Diese Form der tief greifenden Entwicklungsstörung ist durch eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung definiert, die sich vor dem dritten Lebensjahr manifestiert. Sie ist außerdem gekennzeichnet durch ein charakteristisches Muster abnormer Funktionen in den folgenden psychopathologischen Bereichen: in der sozialen Interaktion, der Kommunikation und im eingeschränkten stereotyp repetitiven Verhalten. Neben diesen spezifischen diagnostischen Merkmalen zeigt sich häufig eine Vielzahl unspezifischer Probleme, wie Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und (autodestruktive) Aggression.
Atypischer Autismus: Diese Form der tief greifenden Entwicklungsstörung unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus entweder durch das Alter bei Krankheitsbeginn oder dadurch, dass die diagnostischen Kriterien nicht in allen genannten Bereichen erfüllt werden. Diese Subkategorie sollte immer dann verwendet werden, wenn die abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung erst nach dem dritten Lebensjahr manifest wird und wenn nicht in allen für die Diagnose Autismus geforderten psychopathologischen Bereichen (nämlich wechselseitige soziale Interaktionen, Kommunikation und eingeschränktes, stereotyp repetitives Verhalten) Auffälligkeiten nachweisbar sind, auch wenn charakteristische Abweichungen auf anderen Gebieten vorliegen. Atypischer Autismus tritt sehr häufig bei schwer retardierten bzw. unter einer schweren rezeptiven Störung der Sprachentwicklung leidenden Patienten auf.
Asperger-Syndrom: Diese Störung von unsicherer nosologischer Validität ist durch dieselbe Form qualitativer Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen, wie für den Autismus typisch, charakterisiert, zusammen mit einem eingeschränkten, stereotypen, sich wiederholenden Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Die Störung unterscheidet sich vom Autismus in erster Linie durch fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung bzw. den fehlenden Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung. Die Störung geht häufig mit einer auffallenden Ungeschicklichkeit einher. Die Abweichungen tendieren stark dazu, bis in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter zu persistieren.“ *
ICD 11 spricht von der Autismus-Spektrum-Störung und sagt konkret: „Die Autismus-Spektrum-Störung ist gekennzeichnet durch anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktionen und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, sowie durch eine Reihe von eingeschränkten, sich wiederholenden und unflexiblen Verhaltensmustern, Interessen oder Aktivitäten, die für das Alter und den soziokulturellen Kontext der Person eindeutig untypisch oder exzessiv sind.
Der Beginn der Störung liegt in der Entwicklungsphase, typischerweise in der frühen Kindheit, aber die Symptome können sich auch erst später vollständig manifestieren, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Fähigkeiten übersteigen.
Die Defizite sind so schwerwiegend, dass sie zu Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, ausbildungsbezogenen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen, und sind in der Regel ein durchgängiges Merkmal der Funktionsweise der Person, das in allen Bereichen zu beobachten ist, auch wenn sie je nach sozialem, ausbildungsbezogenem oder anderem Kontext variieren können. Personen, die dem Spektrum angehören, weisen ein breites Spektrum an intellektuellen Funktionen und Sprachfähigkeiten auf.“ *
Okay, das war jetzt viel medizinisch gefärbter Text. Dann jetzt nochmal in ganz kurz und nach meinem Verständnis zusammengefasst: Autistische Störungen sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Es gibt immer Auffälligkeiten im Sozialverhalten, der Kommunikation und bestimmte Besonderheiten im Verhalten z.B. stereotype und/oder unflexible Verhaltensweisen. Diese Merkmale sind durchgängig Vorhanden und beeinträchtigten die betroffene Person. Diese „Abweichungen“ sind angeboren und sind hirnorganisch bedingt so dass z. B. Reize anders verarbeitet werden als in neurotypischen Gehirnen.
Zwar sind die Kernsymptome (Auffälligkeiten in sozialer Interaktion, Kommunikation, Wahrnehmung und Verhalten) immer vorhanden, die Ausprägung ist jedoch von Autist zu Autist individuell. Dies zeigt sich gut im Begriff des Autismusspektrums. Man kann sich das Autsimusspektrum als Kreis mit verschiedenen Segmenten vorstellen. Jedes Segment steht für einen Bereich, eine Symptomgruppe oder eine Facette von Autismus. Wie „hoch“ oder „niedrig“ diese einzelnen Abschnitte nun ausgefüllt sind, ist individuell verschieden und spiegelt die Vielfalt des autistischen Spektrums.

Eine grundlegende Tatsche ist die alternative Verarbeitung von Reizen und Informationen durch das autistische Gehirn. Hier ist nochmal wichtig zu betonen, dass die Sinnesorgane normal funktionieren. Die Sinneseindrücke also Sehen, Riechen, Hören, Schmecken und Fühlen jedoch anders verarbeitet werden. Dies führt natürlich zu einer besonderen Wahrnehmung gegenüber neurotypischen Personen. Autisten, bzw. ihre Gehirne, haben meist Probleme damit Reize so zu filtern wie neurotypische Gehirne dies tun würden. Viele „Auffälligkeiten“ oder „Besonderheiten“ die zum Autismus-Spektrum zählen basieren auf dieser besonderen Wahrnehmung, die bedingt ist durch die alternative Verarbeitung und Verknüpfung von Informationen und Reizen im Gehirn.
Wie es sein kann wenn das Gehirn Reize anders verarbeitet bzw. weniger oder gar nicht filtert zeigt dieses Video:
Ach ja, als Eltern kann man dies alles wissen, bestens informiert sein, ein gutes Verständnis für die Thematik entwickelt haben und wird dennoch im Alltag immer wieder einem überforderten, ungehaltenen, verwirrten, oder auf sonst irgendeine Weise indisponierten Kind gegenüberstehen, das sich in einer Situation befindet, welche man gerade nicht auflösen kann und man dem Kind gerade nicht helfen kann. Das ist misslich und unbefriedigend aber unvermeidlich.
* IDC 10: (https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2026/block-f80-f89.htm; abgerufen am 23.03.36)
* IDC 11: (https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html; abgerufen am 25.03.26)

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